INTEGRATIVMEDIZIN: Die unterschätzte Symbiose

Konventionelle und Komplementärmedizin können einander im Idealfall ergänzen.
Von Alexandra Grass | Wiener Zeitung

Zellen, Botenstoffe, Rezeptoren, Biomarker – der Mensch wird heute bis in seine kleinsten Bestandteile aufgedröselt, wenn es um die Diagnose und Behandlung von Krankheiten geht. In kleinsten Einheiten des menschlichen Körpers wird Ausschau gehalten – nach Fehlfunktionen, Andersartigkeiten oder Störfaktoren, die es im Sinne der Gesundung zu reparieren gilt. Auch die Medizin selbst hat sich in den vergangenen Jahren aufgedröselt – zumindest die konventionelle. Kaum ein Mediziner, der kein Spezialgebiet im Spezialgebiet aufweisen kann. Das führt häufig den Blick vom Menschen als Gesamtheitlichkeit weg – hin zur spezifischen Krankheit. Doch der Mensch mit all seinen winzig kleinsten Bestandteilen tickt nicht in Fachbereichen. Um das System Mensch als Ganzes begreifen zu können, scheint daher ein Miteinander nicht nur aller Fachbereiche, sondern vor allem aller Medizinrichtungen relevant zu sein. Konventionelle und Komplementärmedizin verschmelzen im Idealfall zu einer Symbiose, die vielerorts unterschätzt zu sein scheint.

„Der Mensch wird in isolierte Teile – Organsysteme – aufgegliedert. Seine Ganzheit und Einmaligkeit, die wesentlich mehr ist, als die Summe der Teile, bleibt oft im Hintergrund oder geht ganz verloren“, beschreibt der Allgemeinmediziner und Arzt für Ayurvedische Medizin, Lothar Krenner, in dem Kompendium „Integrative Medizin“ (Springer-Verlag). Der einseitige Glaube an die „Allmacht“ der konventionellen Schulmedizin beinhalte die Vorstellung, dass es nur eine Frage der Zeit und der Höhe der Forschungsgelder und des Gesundheitsbudgets sei, bis alle Krankheiten „besiegt“ sind und das gesunde Leben bis ins hohe Alter eine Realität für alle Menschen sein wird.

Bei schlechter Gesundheit

Doch trotz der großen Erfolge der modernen Medizin ist die Entwicklung des Gesundheitszustands der Bevölkerung alles andere als befriedigend. Die chronischen Erkrankungen – man denke an Herzkreislauf-Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen wie Diabetes, die auch gerne als die modernen Epidemien bezeichnet werden, aber auch altersbedingte Leiden wie etwa Demenz – nehmen ebenso zu wie die Infektionskrankheiten mit veränderten Viren – wie Covid-19 es uns beinhart präsentiert hat – oder neuen beziehungsweise antibiotikaresistenten Keimen. Ganzheitsmediziner fordern daher eine Zusammenfügung der unterschiedlichen medizinischen Weltbilder, um für jeden Menschen die bestmögliche Medizin anbieten zu können.

„Medizin sollte man nicht schwarz und weiß, sondern eben als Kombination wahrnehmen – und das möglichst ohne Vorurteile“, erklärt der Internist und Integrativmediziner Michael Frass im Gespräch mit der „Wiener Zeitung“. Doch die Kooperation von Komplementärmedizin mit der konventionellen erfordere ein spezielles Fingerspitzengefühl. Man müsse, um einen Vorteil für den Patienten zu erreichen, die möglichen Nebenwirkungen der konventionellen Medizin und die Auffälligkeiten oder Reaktionen der Integrativmedizin unterscheiden lernen.

Wenn es möglich ist, mit komplementären Methoden etwa Nebenwirkungen einer Chemotherapie bei Krebspatienten so zu reduzieren, dass sich Therapieabbrüche vermeiden lassen, wird die Kombination zur Win-Win-Situation, betont Frass.

Aufwendige Namensgebung

Komplementärmedizin, Alternativmedizin, Ganzheitsmedizin, Integrativmedizin – an Namen für das Sammelsurium an breit gefächerten Therapiemöglichkeiten mangelte es über die Jahre hinweg nicht. Warum, ist nicht ganz klar. Möglicherweise hat das Rittern um Anerkennung und der immer wieder aufkommende Gegenwind die Suche nach einem alles erklärenden, verstandenen und akzeptierten Begriff in unterschiedliche Richtungen geführt.

„Ich verfolge diese Namensgebungsbemühungen seit Jahrzehnten, meine aber, dass das in Wirklichkeit eine untergeordnete Rolle spielen sollte“, betont Frass. Das Wort Alternativmedizin wird im deutschsprachigen Raum nicht oder nicht mehr angewendet – „vor allem deswegen, weil da offensichtlich sofort Gegenwind kommt und die Kollegen befürchten, dass man die Schulmedizin ganz zur Seite stellt, was in Wirklichkeit ein Unsinn ist.“ Aber es werde so empfunden. Lange Zeit hieß es komplementär – also ergänzend. Doch dieser Begriff trage der Vielfalt nicht Rechnung und daher wird heute der Begriff integrativ hochgehalten. „Dazu gehört eigentlich jede Form der Medizin“, das sollte man berücksichtigen.

Integrativ heißt, dass es eine Methode ist, die innerhalb der Medizin steht und die die Möglichkeit bietet, im Rahmen der Fähigkeiten und erlernten Kenntnisse Methoden anzuwenden, die für den Patienten jene sind, die den längsten anhaltenden Effekt haben. Die zudem möglichst ressourcenschonend sind, sanft, und womit erreicht werden kann, dass der Patient mit und ohne Kombination mit der konventionellen Medizin für sich das Bestmögliche erhält.

Das Wort Ganzheitsmedizin findet sich in vielen Dachorganisationen – darunter etwa die Wiener Internationale Akademie für Ganzheitsmedizin (Gamed) oder der Österreichische Dachverband für ärztliche Ganzheitsmedizin. Eher aus historischen Gründen wird dieses dort beibehalten, meint Frass. Man möchte damit ausdrücken, dass man den gesamten Patienten betrachtet – also keine Krankheit, sondern primär einen kranken Menschen.

Bei komplementärmedizinischen Methoden stehe der Heilungseffekt beziehungsweise Langzeiteffekt und nicht die Behandlung als solche im Vordergrund. „In der konventionellen Medizin bemüht man sich, Symptome in vielen Fällen zu unterdrücken und eventuell fehlende Substanzen zu ersetzen. Aber die Tendenz zur Heilung ist in seltenen Fällen gegeben“, so der Mediziner. „Gesundheit kann nicht alleine dadurch entstehen, dass Teile des Körpers, des Geistes oder der Seele ,repariert‘ werden“, betont auch Krenner.

Evidence Based Medicine

Viel mehr zählt die Evidence Based Medicine (EBM), der eine besonders hohe Priorität zugeschrieben wird. Im Fokus stehen dabei im heutigen Sinne die Ergebnisse klinischer Studien, aus denen Therapieschritte, Behandlungswege und -richtlinien abgeleitet werden. Ein wichtiger Aspekt, der es ermöglicht, die Medizin mit all ihren Facetten weiterzuentwickeln. Doch wie einer der Pioniere der EBM, der kanadische Mediziner David Sackett, es formulierte, stützt sich die Evidence Based Medicine auf insgesamt drei Säulen – nämlich auf die individuelle klinische Erfahrung, die Werte und Wünsche des Patienten und den aktuellen Stand der Forschung. Die Erfahrung beinhaltet klinisches Wissen, die Fallzahlen, Diagnose sowie Prognose und Therapie. Patienten wünschen sich Zuwendung, Aufklärung und Vertrauen sowie Besserung, eine Kontinuität der Behandlung und eine möglichst baldige Rückkehr in ihren Alltag.

Es sind damit Sackett zufolge drei Stützpfeiler, die das große Haus der Medizin tragen. Die beste Stabilität ist naturgemäß dann erreicht, wenn alle drei Säulen dieselbe Dimension haben.
Originalbeitrag: https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/wissen/mensch/2158577-Die-unterschaetzte-Symbiose.html

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