Homöopathie: Geschichte und Hintergrund

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Die Geschichte der Homöopathie

Von Michael Frass

Die Wurzeln der Homöopathie

Im Jahre 1755 wurde Samuel Hahnemann in Meißen als Sohn eines Porzellanmalers geboren. Er genoß eine strenge Erziehung. Sehr früh wurde sein außerordentliches Talent erkannt und seine weitere Ausbildung gefördert. Im Rahmen seines Medizinstudiums kam er unter anderem nach Wien, wo er bei Dr. Quarin, dem Leibarzt von Kaiser Joseph II. und Gründer des Alten AKH, im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder studieren durfte.

„Similia similibus curentur“ (Ähnliches muss durch Ähnliches geheilt werden).

Die Medizin im 18. Jahrhundert war geprägt durch Verfahren, die wissenschaftlich nicht fundiert waren, z. B. Aderlässe, Klistiere, etc.. Hahnemann gab daher die Ausübung des medizinischen Berufs auf, da er von dieser Art von Medizin enttäuscht war. Er sicherte das Überleben seiner rasch anwachsenden Familie durch Übersetzungen. Dabei kam er bei der Übersetzung eines Werkes von Cullen zu einer Stelle, an der die Wirkung der Chinarinde besprochen wird: das Kauen der Chinarinde heilt Malaria durch eine tonisierende Wirkung auf den Magen, was von Cullen auf deren Bitterkeit zurückgeführt wurde. Hahnemann bezweifelte diese Erklärung und konstatierte bei einem Selbstversuch tatsächlich Symptome, die denen der Malaria ähnlich waren. Durch einen Gedankenblitz, kam ihm eine der Grundlagen der Homöopathie in den Sinn, nämlich „Similia similibus curentur“ (Ähnliches muss durch Ähnliches geheilt werden).

Ähnlichkeitsgesetz

Durch dieses Ähnlichkeitsgesetz ist die Homöopathie definiert. Die praktische Umsetzung des Ähnlichkeitsgesetzes bedeutet vereinfacht, dass einerseits die Einnahme von Chinarinde beim Gesunden Malariasymptome hervorrufen kann und andererseits Kranke mit ähnlichen Symptomen durch Chinarinde geheilt werden können. Dabei wird durch das jeweilige Arzneimittel im Körper eine Kunstkrankheit erzeugt, die stärker ist als die eigentliche ursprüngliche Krankheit und diese damit überwindet. Die Dauer der Kunstkrankheit ist aber bedeutend kürzer. Somit kommt es also zu einer Anregung der Eigenheilkräfte.

Prüfung am Gesunden

In der Folge untersuchte Hahnemann verschiedene pflanzliche, mineralische und tierische Substanzen und schrieb die Symptome genau auf. Dabei entstanden die sogenannten Arzneimittelbilder nach der Prüfung am Gesunden. Da die Zahl der Symptome sehr groß war, entstanden später Repertorien, das sind Register, mit deren Hilfe die Arzneimittel leichter auffindbar sind.

Er begann eine Praxis, da er ein cholerischer Typ war und zudem im Krieg mit Apothekern wegen Selbstdispensierung lag, ist er zum Leidwesen seiner Familie mehrmals umgezogen. Er lebte zuletzt in Köthen. Er war verheiratet mit Henriette Küchler mit der er elf Kinder hatte. Henriette verstarb, im Alter von 80 Jahren lernte er die 35-jährige Pariser Malerin Melanie Gohier kennen und heiratete sie. Melanie brachte ihn nach Paris, was natürlich zu einer Verstimmung der Deutschen führte. Melanie baute mit ihm eine große Praxis in Paris auf, er verstarb mit 88 Jahren im Jahre 1843 und ist am Friedhof Père Lachais begraben. Besonders muss betont werden, dass die Homöopathie von einem einzigen Mann nahezu vollendet werden konnte.

Wesentliche Werke

Hahnemanns wesentliche Werke sind: das Organon, 6. Ausgabe, das die Grundlagen der Homöopathie in knapp 300 Paragraphen zusammenfasst, darunter § 1: „Des Arztes höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.“, und den § 153, der die Wichtigkeit der eigentümlichen und sonderbaren Symptome für die Anamnese und Mittelfindung besonders betont. Die Arzneimittellehre beschreibt sämtliche bei der Prüfung aufgetretenen Symptome, die Chronischen Krankheiten sind Hahnemanns Meisterwerk, das er erst im hohen Alter abschloß.

Homöopathische Praxis heute

Wie sieht nun die homöopathische Praxis aus? Die PatientInnen kommen mit Beschwerden und Befindlichkeitsstörungen zum Homöopathen, vorteilhafterweise noch vor organischen Veränderungen. Die PatientInnen schildern ihre Beschwerden, am besten simpel und einfach ohne Verwendung von Fremdwörtern und fertigen Diagnosen. Der Arzt schreibt alles auf, versucht wenig zu unterbrechen, nur hier und da gezielte Zusatzfragen zu stellen. Die Anamnese in der Homöopathie zeichnet sich durch besondere Berücksichtigung individueller Symptome aus.

Die Fragen des Arztes beziehen sich, ähnlich wie in der konventionellen Medizin, auf Familienanamnese, Kinderkrankheiten, und frühere Krankheiten. Weiters werden eine vegetative Anamnese, eine soziale, private sowie berufliche Anamnese erhoben, wobei auch Gemütssymptome besondere Beachtung finden. Dazu kommt eine physikalische Untersuchung. Wert wird auf zum Teil weniger wichtig erscheinende Details gelegt, wie z. B. Empfindlichkeiten gegenüber Temperatur, Wind, Feuchtigkeit, etc.. Nach Aufschreiben aller Symptome versucht der Arzt das passende Arzneimittel zu finden, das bei der Prüfung bei Gesunden ähnliche Symptome hervorzurufen imstande ist.

Die Potenzen

Die Einnahme erfolgt zumeist oral in Form von Globuli (Kügelchen), die aus Rohrzucker bestehen und mit einem Arzneimittel getränkt sind. Es gibt verschiedene Stärken (= Potenzen): C- Potenzen, D- Potenzen, LM-Potenzen (=Q-Potenzen), die einen unterschiedlichen Verdünnungsgrad angeben.  Warum hat Hahnemann nun die Potenzen eingeführt? Er  testete zunächst die Arzneimittel in unverdünntem Zustand. Da bei der Prüfung von Veratrum album eine seiner Töchter beinahe gestorben wäre (manche Pflanzen sind ja im Urzustand sehr giftig), dachte er über eine andere Form der Zubereitung nach. So entwickelte Hahnemann die “Potenzen“: Potenz bedeutet Verdünnung UND Verschüttelung des Arzneimittels. Die Verschüttelung führt zum Übergang der Wirkung eines Arzneimittels auf das Lösungsmittel. Die Grenze für Naturwissenschafter ist die Loschmidt´sche Zahl: 6 x 1023 (= Zahl der Moleküle in einem Mol eines Stoffes), die daher Potenzen nur bis zu einer D 23 oder C 11 verschreiben. Hahnemann machte viele Untersuchungen mit einer C 30. Diese so genannten „Hochpotenzen“ zeichnen sich aber durch ihre besonders tiefgehende Wirkung aus. Die Potenzierung ist aber nicht eine unabdingbare Voraussetzung zur Anwendung der Homöopathie, allerdings treten viele Qualitäten der Arzneimittel erst bei der Potenzierung hervor. Zudem können mit der Potenzierung die toxischen (=giftigen) Effekte mancher Arzneimittel umgangen werden.

Es muss betont werden, dass die Homöopathie eine „materielle“ Medizin ist: die Kügelchen läßt man auf der Zunge zergehen, etwa 15 Minuten vorher und nachher sollte man nichts essen, trinken oder Zähne putzen. Bei tieferen Potenzen sind häufigere Einnahmen über einen gewissen Zeitraum vorgesehen, bei höheren Potenzen seltenere Einnahmen. Wichtig ist es, die Wirkung zu beobachten: solange eine Besserung eintritt, soll man abwarten und die Mittelwirkung nicht unterbrechen. 

Was kann die Homöopathie?

Sie unternimmt den Versuch, den ursprünglichen Gesundheitszustand wiederherzustellen. Die PatientInnen sind aus dem Gleichgewicht gekommen, eine Harmonisierung wird angestrebt. Das Vorhandensein der „Lebenskraft“ ist Voraussetzung. Die Homöopathie ist eine Medizin, die nicht nach Indikationen vorgeht, sondern eine individuelle Erfassung der PatientInnen anstrebt.

Was ist nicht Homöopathie?

Ohne jegliche Wertung, muss die Homöopathie von anderen Methoden abgegrenzt werden, die andere Wirkprinzipien verfolgen, wie z.B. Bachblüten, Bioresonanz, Akupunktur, Elektroakupunktur, Kräutermedizin, Osteopathie, Kinesiologie, traditionell chinesische Medizin, Ayurveda, etc..

Moderne naturwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich bei Verdünnungen Cluster von zunehmender Größe bilden, die desto größer sind, je verdünnter die Ausgangssubstanz ist. Mittels Thermolumineszenz konnte ein physikalischer Einfluss hochpotenzierter Substanzen nachgewiesen werden. Auch große klinische Studien belegen, dass die Ergebnisse mit Homöopathie der Wirkung von Placebo überlegen sind. Somit konnte die Kritik, Homöopathie wäre nicht durch doppelblinde Studien beweisbar, widerlegt werden.

Homöopathie kann auch bei KrebspatientInnen zusätzlich zur bestehenden konventionellen Behandlung eingesetzt werden. Damit können oft Nebenwirkungen reduziert, das Wohlbefinden gestärkt, Zweiterkrankungen geheilt und Blockaden gelöst werden.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Homöopathie dadurch gekennzeichnet ist, dass sie von ÄrztInnen unter Verwendung von Einzelmitteln nach der Ähnlichkeitsregel mit an Gesunden und Kranken geprüften Arzneimitteln durchgeführt wird. 

Univ.-Prof. Dr. Med. Michael Frass

 

Literatur:

Homöopathie in der Intensiv- und Notfallmedizin. Frass, Michael, Bündner, Martin (Hrsg.). Elsevier (Urban und Fischer) Verlag, 2007. ISBN: 978-3-437-57260-9

Durch Ähnliches heilen- Homöopathie in Österreich König P (Hrsg). Lexis Nexis Verlag, 2005. ISBN 3-7007-2998-7